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Glockentürme in Belgien und Frankreich

Die Glockentürme in Städten Flanderns, Walloniens und Nordfrankreich waren einst ein Symbol bürgerlichen Stolzes gegenüber dem Adel. 

Ein machtvolles Zeichen gegen den Adel und Klerus setzte das erstarkende Bürgertum mit der Errichtung prächtiger “Belfriede”, wie solche Glockentürme auch genannt werden. Bekannt dafür sind die Städte Gent und Brügge. Die Städte Kortrijk, Mechelen und Antwerpen besitzen gleich mehrere solcher Bauten. In Tongeren und Mechelen ist der Turm der Hauptkirche zugleich Stadt- und Glockenturm. Der zierliche Stadtturm von Aalst geht auf das Jahr 1225 zurück. Nach schweren Zerstörungen im Ersten Weltkrieg wurden die Tuchhalle und der Glockenturm von Ypern wiederaufgebaut. In Wallonien sticht der Art-déco-Belfried in Charleroi mit seinem Glockenspiel aus dem Jahr 1936 hervor. Im imposanten Belfried von Tournai von 1187 schwingen 43 Glocken. Im Jahr 2005 erweiterte man das – nun grenzüberschreitende – Welterbe um 23 Türme in Städten der nordfranzösischen Provinzen Artois und Picardie. Die berühmtesten stehen in Amiens, Arras, Boulogne, Calais, Dünkirchen und Lille. (1)


(1) Bildband: Das Erbe der Welt.Die Kultur- und Naturmonumente der Erde nach der Konvention der UNESCO.aktualisierte Auflage.München: Kunth Verlag, 2016. 

Die meisten Belfriede wurden zur Zeit der Gotik gebaut und gehören zu den bedeutendsten Profanbauten des Mittelalters. Ihnen gingen häufig hölzerne Türme voraus, von denen keiner erhalten ist. Sie wurden von den weltlichen Stadtbehörden oder den Zünften bzw. Gilden als Symbol der bürgerlichen Macht errichtet, auch gegenüber jener der Kirche. In der Regel ist der Belfried mit dem Rathaus verbunden oder befindet sich freistehend daneben.

Als sicherster Ort einer Stadt beherbergte der Turm in seinem Innern meist das Stadtarchiv, die Schatzkammer und oft auch ein Gefängnis. Darüber hinaus diente er als Wachturm (um Feinde, aber auch Stadtbrände schnell zu entdecken) und zum Ausrufen öffentlicher Angelegenheiten. Diese Aufgaben wurden vom Türmer wahrgenommen. Eine Stadtglocke, ab dem 16. Jahrhundert auch das Carillon, dessen Hauptverbreitungsgebiete ebenfalls in Belgien, Nordfrankreich und den Niederlanden liegen, strukturierte die Zeit und gab das Signal zum Öffnen und Schließen der Stadttore, markierte Anfang und Ende der Arbeitszeit oder läutete zu Festivitäten.

Der Brügger Belfried ist 83 m hoch und in die Hallen am zentralen Marktplatz von Brügge (Grote Markt) integriert. Er wurde ebenso wie diese im 13. Jahrhundert erbaut. Im Spätmittelalter demonstrierte der alle Bauwerke der Stadt überragende Turm die Macht des selbstbewussten reichen Bürgertums und diente als Brandwache. Noch heute darf ihn kein Neubau überragen.

Vor dem Aufstieg heißt es aber erst mal warten und anstehen. Vielleicht lag es am Feiertag in Deutschland oder an den Kreuzfahrtschiffen jedenfalls betrug die Wartezeit mehr als 1 Stunde. Es werden aus Sicherheitsgründen nur eine begrenzte Anzahl auf den Turm gelassen. Angesichts der engen Wendeltreppe ist dies auch durchaus angebracht. Es herrschte auch so noch ein ziemliches Gedränge.

Der aus Stein erbaute rechteckige Turm hatte ursprünglich eine hölzerne Spitze, die ebenso wie das Stadtarchiv 1280 abbrannte. 1296 wurde die Turmspitze wieder aufgebaut, brannte aber 1493 erneut ab. Bei diesem Brand wurde auch die Stadtglocke zerstört. Die danach aufgesetzte dritte Turmspitze fiel 1741 ebenfalls einem Brand zum Opfer. Um dem vorzubeugen, wurde 1822 anstelle einer hölzernen Spitze eine neogotische steinerne Krone auf den mittelalterlichen Turm gesetzt.

Das Carillon – ein Glockenspiel mit 47 Bronzeglocken aus dem 17. Jahrhundert – erklingt noch heute am Mittwoch, Sonnabend und Sonntag jeweils um 14.15 Uhr. Eine auch für Touristen zugängliche Plattform in Höhe des Glockenspiels ist ausschließlich über 366 Stufen erreichbar. Der Ausblick von dort oben ist sehr schön, allerdings stören die Drahtgitter, die das fotografieren doch ziemlich erschweren. International wurde der Turm auch durch den Film „Brügge sehen… und sterben?“ bekannt.

 

23 Belfriede in Nordfrankreich (Französisch-Flandern) und 33 Belfriede in Belgien wurden 1999 und 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. In die Liste wurden mit den eigentlichen Belfrieden auch einige Kirchtürme aufgenommen, diese sind in der Liste kursiv markiert. Belfriede sind ein flämisches Architekturphänomen, daher sind die flämischen Namen der französischen oder wallonischen Städte in Klammern beigefügt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht in Belgien UNESCO-Weltkulturerbe

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